Archiv für das Jahr 1999

Everything starts with an “e”

Dienstag, 23. März 1999

Ich gehöre ja zur Generation, die diesem Titel noch einen niedlichen Dance-Klassiker (E-zee Possee feat. MC Kinkey, 1992) zuordnen kann, eine Zeit, in der Wörter wie „e-commerce“ noch nicht erfunden waren. Heute muss man sich bereits fragen, wo das „e“ im englischen Wort „war“ unterzubringen ist. Ach ja, da war ja auch noch das inzwischen etwas abgegriffene „@“: W@r. Ich will darauf jetzt gar nicht eingehen, nur meine Verwunderung kundtun, wie allerorts das Leben weitergeht, und das schließt mein Leben keinesfalls aus. Hier eine Nachrichtensendung mehr, dort eine kulturpolitische Medienkritik, und im Endeffekt bleibt alles abstrakt und weit weg. Hier fallen ja auch keine Bomben… Es ist aber auch verzwickt, Feindbilder verschwimmen, gesunder Menschenverstand muss auf offensichtlichen Irrsinn reagieren und bequemerweise können berechtigte Einwände gegen politische Unsauberkeiten (Angriff ohne UNO-Mandat, fragwürdiges Verhandlungskalkül in Rambouillet…) einfach mit geschaffenen Realitäten weggewischt werden. Ich schweife ab, dies sei nur stellvertretend für bei uns allen vorherrschende Verdrängungsmechanismen genannt.

Ich wollte dieses erste „Editorial“ nutzen, um es sich selbst erläutern zu lassen: Selbst wenn ich Inhalte erzeuge, die scheinbar im leeren Raum stehen, ist alles geprägt, von Geschmack, von Lebensumständen und von Befindlichkeiten. Je häufiger mir absurde Reaktionen (kranke Emails und schlimme News-Threads) auf meine Aktivitäten begegneten, um so klarer wurde es: Ein übergreifender Kontext mußte her, der mein Universum absteckt. Und um etwas meine Wurzeln im druckenden Gewerbe mit meinen derzeitigen Aktivitäten zu verknüpfen, muss ein Bild aus der Print-Welt herhalten, in Verknüpfung mit dem heißbegehrten Synonym für unsere zukünftige, elektronisch geprägte Welt, zu finden in „E-Mail“ oder „e-commerce“, jetzt auch in „e“- [sprich: ie] „ditorial“. Also: Willkommen in meinem Universum!

Um die Verdrängung wieder aufzunehmen, sie stellt eine Notwendigkeit dar, um nicht an der Komplexität der Umwelt zu zerschellen. Aber damit wird kein Weglaufen vor Realitäten entschuldigt, darum nehme ich diesen Ort auch als Forum für alle Themen, die mir wichtig sind (von der CD- Empfehlung bis zum politischen Statement), denn das Netz hat das wahre Leben noch nicht ersetzt…

Thorsten